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Archiv für den Monat Januar 2014

Die schöne Schachtel

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Wir haben hier ja schon einiges erlebt, werte Leser. Eine Beisetzung mit allen (us-amerikanischen) militärischen Ehren, eine Überführung bei Nacht und Nebel, eine ihre Notdurft unter meinem Küchenfenster verrichtende Dame (über all dies werde ich noch ausführlich berichten), aber die Beerdigung eines emeritierten Pfarrers, der hier aus dem Ort stammte, war wohl doch das aufwendigste Ereignis bisher.

Nicht nur sage und schreibe 12 (!) Konzelebranten waren zum Begräbnis angereist, nein – darüber hinaus wurde der Sarg mit dem verblichenen Geistlichen  (sonst auf dem Lande ehr unüblich) in der Kirche aufgebahrt, statt vor der Leichenhalle. Und die Trauergäste strömten aus allen Ecken des Ortes herbei.

Entsprechend laut, voll und „geschäftig“ ging es an diesem Tage rund um unsere Wohnung zu. Das blieb auch von meiner dreijährigen Tochter nicht lange unbemerkt. Und da sie eine sehr neugierige Nase ist, wollte sie auch promt auf den Arm genommen werden, und mit mir zusammen aus meinem Schlafzimmerfenster schauen.

Ich hob sie gerade dann hoch, als die zwölf hohen Herren aus der Kirche auszogen. Direkt hinter ihnen wurde der Sarg mit dem Verstorbenen getragen. Was meine Tochter in helle Aufregung versetzte! „Ui, Mama!“, rief sie aufgeregt, „schau mal, was für eine schööööööne Schachtel! Ist da ein Schatz drin?!?“

Sie werden es mir nachsehen, liebe Leser, dass ich es nicht übers Herz brachte, meine kleine Tochter aufzuklären, sondern es bei einem vagen (und auch feigen) „Hm…ich weiß auch nicht…“ zu belassen. Ich konnte ihr diese kleinkindliche Illusion einfach nicht nehmen. V.a. deshalb nicht, weil sie lange gebraucht hat, um den Tod ihrer Oma zu verarbeiten, und ich die gerade geschlossene Wunde nicht wieder aufreißen wollte.

Neben all‘ diesen widersprüchlichen Gefühlen in mir überwog allerdings zuletzt eine art gerührter Humor. Kindermund tut einfach gut!

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Deutschland sucht das Supergrab

2013-11-01 17.31.20

Zugegeben, werte Leser Allerheiligen ist schon ein paar Tage her. Allerdings hält der Eindruck, den ich vor diesem hohen kirchlichen Feiertag gewonnen habe, nach wie vor an. Eigentlich jedes Mal, wenn ich aus einem meiner Fenster schaue, werde ich wieder an die Ereignisse um den 01.11.2013 erinnert.

Natürlich ist es normal, dass man (evtl. bereits schon am Vorabend) seinen vorausgegangenen Lieben ein paar Grablichter, Brennschalen, Fackeln und ähnliches auf’s Grab stellt. Schließlich geht es ja an Allerheiligen und dem darauffolgenden Allerseelen auch und gerade um unsere Verstorbenen. Und v.a. in ländlichen Gebieten ist der priesterlich begleitete, nachmittägliche Friedhofsgang am 1. November ohnehin obligatorisch.

Na, und da muss natürlich alles stimmen! Da sollen die anderen Leute ruhig mal sehen, was uns unsere Toten wert sind! Herausgeputzte Gräber, mit den üblichen Gestecken und Lichtlein versehen, sind die üblichen, äußeren Zeichen. Soweit, so gut. Oder so schlecht – das liegt im Auge des Betrachters.

Was aber bei meinen neuen Nachbarn vor sich ging, und zwar schon mindestens eine Woche vorher (!), spottet jeder Beschreibung. Fast an jedem Grab (v.a. an denen mit hochglänzenden, stereotypen Grabsteinen) wurde gewienert, poliert, mit Wurzelbürste und Seifenwasser abgeschrubbt, was das Zeug hielt. Zwei Tage später wurden dann allerorten riesige Ungetüme von mehr oder weniger geschmackvollen Blumen- und Gesteckschalen verteilt. Je größer und hässlicher, desto besser. So war zumindest mein Eindruck.

Etwa drei Tage vorher – ich dachte schon, schlimmer geht’s eigentlich nicht mehr – fing er dann an, der Kampf ums „Best Grave Ever“. Nicht nur, dass nochmals abschließend poliert, gewischt und die letzten Staubkörnchen höchstpersönlich weggepustet wurden, nein – es entstand ein regelrechter Wettbewerb darum, wer die meisten, schönsten und auffälligsten Lichter auf „seinen“ Gräbern vorzuweisen hat. Und – ob Sie es glauben oder nicht – nicht ohne einen kritischen Seitenblick auf das Nachbargrab. Da wurden (nachweislich!) die  einzelnen Lichter der umliegenden Gräber gezählt (!), nur um dann (nach einem kurzen Besuch im nächsten Supermarkt) beleuchtungstechnisch noch mal nachzurüsten. Getreu dem Motto: „Immer eines mehr als Du“…

Aber das ist noch nicht alles. Es gab auch einen regelrechten Contest, wer die Lichter in der schönsten und auffallendsten Formation auf die Gräber stellen konnte.

Das Ergebnis war ein (an sich schön anzuschauendes) Lichtermeer, wie ich es auf noch keinem Friedhof um diese Jahreszeit je gesehen habe. Auf einem einzelnen Grab habe ich z.B. sage und schreibe zwanzig (!) Grablichter gezählt. Selbstverständlich schön arrangiert und in Reih‘ und Glied. Und offenkundig standen die meisten Lichter auf genau den Gräbern, die sonst das ganze Jahr über ehr nur sporadisch besucht werden, und sonst einen ehr vernachlässigten, regelrecht „toten“ Eindruck machen.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…