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Archiv für den Monat Oktober 2012

Darf man nicht mal mehr trauern?

Wie einige von Ihnen mitbekommen haben, ist meine liebe Mama vor etwas über drei Monaten an Krebs gestorben. Uns blieben nicht einmal elf Wochen Zeit..

Keine Angst, Sie werden in diesem Artikel nicht von meinen Gefühlen überrollt, und ich werde mich auch nicht in tränenreichen Details meiner ganz persönlichen Trauerarbeit ergehen. Mein Anliegen ist heute ein ganz anderes. Ich weiß nämlich nicht wohin mit meiner WUT und meiner Sprachlosigkeit darüber, wie so manche Menschen mit mir und meiner Trauer, aber auch ganz allgemein mit dem Angstthema „Tod“ umgehen.

In diesen gut drei Monaten habe ich genug Erfahrungen damit gesammelt, und leider muss ich heute das Fazit ziehen, dass sehr viele negative, tief enttäuschende Erlebnisse darunter waren. Was ich damit meine?

Damit meine ich zum Beispiel, dass ich geglaubt hatte, eine gute Freundin zu haben. Sie wohnt etwas weiter weg von mir, aber wir haben über Monate tagtäglich miteinander telefoniert, sie war mit ihrer Tochter hier zu Besuch, und eigentlich gab es keinen Grund zur Annahme, dass sich das so schnell ändern wird. Im Gegenteil. Als meine Mutter so schwer krank wurde, wähnte ich mich mit meinem Schmerz bei ihr in guten Händen, hatte sie doch selbst vor zwei Jahren ihre eigene Mutter an Krebs verloren. Als meine Mama dann am  08.07.2012 gestorben ist, kam von Ihr eine lapidare SMS mit „Herzliches Beileid“. In den Tagen danach haben wir nicht telefoniert, weil ich das noch nicht konnte. Als wir das erste Mal danach wieder miteinander sprachen, merkte ich schon, dass Ihr das Reden über den Tod meiner Mutter zuwider war. In den folgenden Wochen sparte ich das Thema mit Absicht in unseren Unterhaltungen aus, weil ich merkte, dass sie jedes Mal sehr schroff und abweisend wurde, wenn die Sprache darauf kam. Für mich ein Zeichen, dass sie so ihre Schwierigkeiten damit hat, was ich sogar noch irgendwie verstand und entschuldigt hatte – schließlich hat sie ähnliches durchgemacht wie ich, und ist sicher auch noch nicht vollständig darüber hinweg. Was ich allerdings dann NICHT mehr verstand, war ihre Reaktion vor gut einem Monat. Es war der Geburtstag meiner kleinen Tochter, und neben all‘ der Freude war dies auch ein sehr trauriger Tag für mich, da meine Mutter zwei Jahre zuvor bei der Geburt meiner Kleinen dabei war, und es mit das Schönste war, was wir beide miteinander erlebt haben, und uns wohl für immer verbinden wird. Auch über den Tod hinaus. Ich werde diese wunderschönen Bilder voller tiefer Mutter-Tochter-Liebe jedenfalls niemals vergessen. Ist es denn so verwerflich, an so einem Tag eben AUCH traurig zu sein? Ich weiß noch, wie ich an diesem Abend mit der „Freundin“ telefonierte. Drei Mal setzte ich an, ihr zu erzählen, dass ich heute ständig weinen müsse, weil…. Ich kam nicht dazu, weil sie mir jedesmal hektisch ins Wort fiel, und eilig ein anderes Thema ansprach. Und so langsam aber sicher machte mich das sehr zornig; ich dachte mir: „Nein! Diesmal nicht! Diesmal möchte ich verdammt noch mal in einer Freundschaft SAGEN können, was mich bewegt“. Also setzte ich – wider besseren Wissens, und vermutlich auch etwas stur – zum vierten Mal an, ihr zu erzählen, was an diesem Tag in mir vorging. Ihre Reaktion lässt mich noch heute frösteln. Sie schrie mich an: „Jetzt wird’s aber mal langsam Zeit, dass Du Dich wieder fängst, schließlich geht es auch um Deine Kinder!“ – Ich war fassungslos, entgegnete nach dem ersten Schock, dass meine Mutter kaum drei Monate tot sei, und was sie denn glaube, wie lange man traurig sein „dürfe“. Zur Antwort bekam ich, dass SIE bereits nach 8 Wochen darüber hinweg gewesen wäre, und es klang an, dass sie selbiges auch von mir verlangte, sie wollte die lustige, nette Freundin wiederhaben, die ihr stundenlang zuhörte, wenn sie über ihren Ex-Freund schimpfte,  ihr seitenlange Briefe ihres Anwalts an diesen Mann vorlas, ihr stets Recht gab, und immer schön brav zu allem nickte. DAS verstehe ich aber nicht unter Freundschaft. Es folgte noch ein heftiger, und ebenso lächerlicher Disput darüber, wer jetzt seine Mutter mehr geliebt, mehr für sie getan und den engeren Kontakt zu ihr gehabt hatte, bis es mir endgültig zu bunt wurde, und ich das Telefonat beendete. Braucht man solche „Freunde“? Warum hat sie nicht einfach gesagt: „Du, tut mir leid. Das Thema setzt mir so sehr zu, ich kann Dir da keine Stütze sein, vielleicht unterhalten wir uns besser über andere Dinge?“ Das hätte mich sicherlich auch verletzt – aber alles wäre besser gewesen, als so eine Reaktion. Ich habe den Kontakt zu dieser Frau nach diesem Erlebnis sofort abgebrochen, die Telefonnummern gelöscht, etc. Enttäuscht und verletzt bin ich aber bis heute.

Ein zweites, nicht gerade weniger verstörendes Erlebnis hatte ich mit einer Nachbarin meines Vaters. Zu dieser Nachbarschaft muss man wissen, dass die „Parteien“ seit Jahren (wegen irgendwelcher Nichtigkeiten, wie so oft) im Dauerstreit liegen, sich weder anschauen, noch grüßen. Das hat sich natürlich auch durch den Tod meiner Mutter nicht geändert, es wurde meinem Vater auch nicht kondoliert. Soweit, so schlecht. Eines Tages, vielleicht vor vier Wochen, saß ich bei der Frisörin meines Vertrauens, mir zur Linken eine Dame, die mit dieser Nachbarin wohl sehr gut bekannt ist. Von meiner Frisörin gefragt, wie es mir denn wegen dem Tod meiner Mama gehe, kamen wir unter anderem auch darauf zu sprechen, wie enttäuscht ich darüber war, dass meine eigenen Nachbarn (also MEINE Nachbarn, nicht die meines Vaters) mir noch nicht einmal eine Karte geschrieben haben. Es fiel weder ein Name, noch sonstige Details. Einfach nur dieser eine Satz von mir, und die verständnisvolle Antwort der Frisörin. Abermals eine Woche später kam die Nachbarin meines Vaters (siehe oben) wie von der Tarantel gestochen mitten auf der Straße auf mich zu, und schrie mich auf offener Straße an, was mir denn einfallen würde, beim Frisör zu erzählen, sie hätte keine Kondolenzkarte geschrieben. Das wäre ausschließlich ihre Sache, warum sie das nicht getan hätte, und ginge mich einen feuchten Kehricht an. Alle Versuche, ihr zu erklären, dass SIE damit gar nicht gemeint war, weil SIE ja nicht MEINE, sondern die Nachbarin meines Vaters sei, verhallten ungehört. Bis ich dann ebenfalls wütend wurde, mich umdrehte und etwas wie: „Mei, wie armselig“ vor mich hin murmelte. Sofort kam sie zurück gestürzt, drohte mir mit ihrem dicken Zeigefinger und schrie (für alle mehr als gut hörbar): „Armselig? Kehr‘ DU mal ganz schön vor Deiner eigenen Haustür, da hast Du genug zu tun!“ (Warum? Weil ich allein erziehende Mutter zweier Kinder bin, und nicht wie sie „Mein Haus“, „Mein Mann“, „Meine Kinder“, „Mein Auto“ vorweisen kann???) Ich bin für solche Dispute im Moment einfach nicht gemacht und zittere heute noch, wenn ich daran denke. Geht man so mit jemandem um, der erst vor kurzem einen der liebsten Menschen in seinem Leben verloren hat?

Noch ein kleines Beispiel gefällig? Keine Angst, Sie haben es gleich geschafft… Zum Geburtstag meiner Mutter am 08.10.2012 (also drei Monate nach Ihrem Tod) postete ich wieder (wie ein paar Mal zuvor auch schon) etwas über sie bei Facebook, ich postete ein Bild von der Grabschale für sie (die ich selbst gemacht habe) . Nicht lange darauf bot man mir Hilfe an, weil ich anscheinend mit meiner Trauerarbeit nicht so ganz erfolgreich zu sein scheine. Gut. Zugegeben. Dieses Beispiel ist nicht boshaft, sondern war ehr lieb gemeint, und ich hoffe, dass der Mensch, der mir seine Hilfe netterweise angeboten hat, jetzt nicht böse ist mit mir, weil ich das hier schreibe. Was ich mit diesem dritten, und letzten Beispiel deutlich machen will ist, dass ich einfach nicht VERSTEHE, warum alle Welt von mir erwartet, dass ich nach so kurzer Zeit NICHT mehr traurig bin, bzw. dass ich das nicht nach außen hin zu zeigen habe.

Dabei wundere ich mich über mich selbst, wie „gut“ ich mit unserer neuen Situation zurecht komme. Ich dachte „vorher“ eigentlich immer, mein eigenes Leben sei auch zu Ende, sollte meine Mama einmal sterben, und ich habe von mir selbst eigentlich ehr angenommen, dass ich hysterisch, laut, verzweifelt trauern würde. Meine Trauer aber ist leise… Ich kann sogar manchmal schon wieder lächeln, wenn ich an schöne Erlebnisse mit meiner Mama denke. Meine Tränen sind unaufdringlich, niemand sieht, wenn ich sie weine. Ich kann mit anderen Menschen auch wieder fröhlich sein, lachen, Scherze machen. Ich versorge meine Großeltern, unterstütze meinen Vater, kümmere mich nach wie vor um meine tollen Kinder, meinen Haushalt, mein Studium, etc. pp. Sieht so jemand aus, der sich in seiner Trauer verliert? Ich glaube nicht!!!

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Neben all‘ meiner Enttäuschung über Menschen, von denen ich eigentlich dachte, dass sie mir mal ein bis zwei Sätze zum Trost zukommen lassen (und wenn es nur ein Kondolenzkärtchen gewesen wäre…), bin ich mir natürlich darüber im Klaren, dass das Thema Tod leider nach wie vor ein Tabuthema für ganz viele Menschen ist. Vermutlich deshalb, weil sie (gerade wenn eine Mutter so jung stirbt wie meine) unliebsam damit konfrontiert werden, dass „so etwas“ jeden treffen kann, und dass wir alle am Ende diesen Weg gehen müssen. Von diesem Standpunkt aus verstehe ich natürlich auch die „Nicht-Reaktionen“.

Trotzdem (oder gerade wegen diesen Erlebnissen) werde ich  nie wieder den Fehler machen, meine Trauer nach außen hin (und vielleicht sogar dreisterweise sogar noch ungefragt) zu zeigen. Zum Glück gibt es nämlich auf der anderen Seite auch viele liebe Menschen, die mich FRAGEN, wie es mir denn geht. Und denen es nichts ausmacht, wenn meine Augen bei meiner Antwort so dann und wann noch feucht werden. Und ich bin sehr sehr froh, dass es solche Menschen gibt…Danke!

Es grüßt Sie eine nachdenkliche

textinette

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5 Kommentare

Verfasst von - Oktober 24, 2012 in Daily-Think