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Archiv für den Monat Juli 2012

Der Marienkäfer

Als wir Ende April 2012 erfahren haben, dass meine Mama schwer krank ist, stand mein Sohn – wie er mir später erzählte – vor seiner Schule, und schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass man uns beistehen solle, und natürlich, dass seine Oma wieder gesund werden solle. Und er bat um ein kleines „Zeichen von oben“, dass man ihn dort verstanden hat. Als er sich direkt danach etwas umsah, entdeckte er neben sich einen kleinen Marienkäfer, und war irgendwie sofort „getröstet“. Als er mir das später am Nachmittag erzählte, glaubte ich noch an das in solchen Situationen wohl normale „an die kleinste Hoffnung klammern“.

Ein paar Tage später brachte meine schwer kranke Mutter meine Oma noch ein letztes Mal in die Kirche zum werktäglichen Gottesdienst. Und vor ihrer Nase – wie Mama mir später erzählte – ließ sich ein kleiner Marienkäfer nieder, der den ganzen Gottesdienst über in ihrer Nähe blieb.

Das Gleiche erlebte auch mein Sohn ein paar Tage später, als er ebenfalls in der Kirche war.

Wiederum kurze Zeit später – meine Mama lag wieder einmal in der Klinik – ging ich sie am frühen Nachmittag besuchen. Die Sonne schien, es war warm, und es wehte ein leiser Wind. Als ich so an ihrem Bett saß merkte ich, dass mich etwas im Nacken kitzelte. Minutenlang maß ich dem keine Bedeutung bei, ignorierte das Kitzeln – schließlich war meine Mama wichtiger. Als ich – ehr aus einem Reflex heraus – dann doch an meinen Nacken griff, merkte ich, dass dort etwas krabbelte. Ich nahm das „Etwas“ in die Hand und es war – ein Marienkäfer.. Dieser kleine Kerl blieb bei Mama im Zimmer, bis sie zwei Tage später entlassen wurde.

Etwa ein bis zwei Wochen später – meine Mama hatte gerade eine stundenlange, lebensgefährliche Operation hinter sich gebracht – erzählte sie mir, dass seit drei Tagen, immer wenn sie von ihrem Klinikbett aus aus dem Fenster sah, ein Marienkäfer vor ihrem Fenster seine Kreise zog. Mama’s Krankenzimmer befand sich im 3. Stock einer Klinik mitten in Würzburg…

Spätestens seit diesem Zeitpunkt war der Marienkäfer zu UNSEREM Symbol auf diesem harten Weg geworden. Allerdings dachten wir noch eine sehr lange Zeit ehr an ein Zeichen der Hoffnung..

Ein einziges Mal noch ist mir so ein kleiner Kerl nochmals begegnet. Nämlich dann, als ich das tat, was meiner Mama immer so sehr wichtig war: Als ich mein Häuschen für die alljährliche Fronleichnamsprozession im Dorf festlich schmückte.

Danach ist uns erst einmal kein Marienkäfer mehr begegnet, so sehr wir auch nach ihm (oder seinen Kollegen) Ausschau hielten.

Als klar war, dass bei meiner Mutter wieder keine Chemotherapie gemacht werden kann, weil sie einfach viel zu schwach und krank war, hat sie die Entscheidung getroffen, sich auf die Palliativstation des Juliusspitals in Würzburg verlegen zu lassen. Die leise, kleine Hoffnung (die eigentlich gar keine mehr war) im Gepäck, dass man sie dort noch einmal „aufpäppeln“ können wird.

Bei meinem ersten Besuch auf der Palliativstation, und nach einem vernichtenden, niederschmetternden Gespräch mit Mama’s Arzt, betrat ich zum ersten Mal ihr Zimmer dort. Ich konnte nicht lange bei ihr sein, weil ihr unsere Besuche leider viel zu anstrengend waren, sie zu diesem Zeitpunkt nur noch geschlafen hat. In den kurzen Wachphasen konnte man spüren, wie ihr selbige das letzte bisschen Kraft raubten..

Mit Tränen in den Augen verließ ich an diesem Tag ihr Zimmer, schloss die Türe von außen, und mein Blick fiel auf das Türschild ihres „letzten Zuhauses“. Mir war beim Durchlaufen der Station schon aufgefallen, dass auf jedem Schild liebevoll kleine, frohe Bildchen geklebt waren: Blumen, Bienen, Sterne, usw.

DAS hier war das Türschild meiner Mama:

War der Marienkäfer anfangs für uns noch ehr ein Hoffnungssymbol, war uns doch zum Ende hin klar, es ist ehr ein Zeichen, wohin die Reise wirklich geht…

Und ich bin mir sehr, sehr sicher: Als meine Mama am letzten Sonntag Vormittag gestorben ist, hat ein Marienkäfer sie auf ihrer letzten Reise begleitet.

Liebe Mama – Du warst die beste Mama, die man haben kann! Ich bin dir so sehr dankbar für alles, was Du für mich und meine Kinder getan hast, auch, wenn es öfter mal „gekracht“ hat zwischen uns beiden. Ich hoffe so sehr, dass es Dir – da, wo Du jetzt bist – gut geht, Du Deinen Frieden gefunden hast. Pass‘ ein wenig auf uns auf, ja? Ich hab‘ Dich lieb! Für immer und immer…

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Verfasst von - Juli 15, 2012 in Uncategorized