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Archiv für den Monat November 2011

Blinder Aktionismus. Oder?

Liebe Leser,

stellen Sie sich bitte einmal folgendes Szenario vor: Eine Frau aus Berlin schreibt auf ihrem Blog, dass sie vor 14 Tagen aus ihrer Wohnung geflogen, bzw. zwangsgeräumt wurde. Wie sie selbst einräumt, hatte sie einfach nicht mehr die Kraft, die Briefe zu öffnen, die dieses Ereignis angekündigt hatten, weil das Leben sie – nach eigenen Angaben – seit über 10 Jahren so arg beutelt, dass Sie nun einfach nicht mehr kann, und (selbstdiagnostiziert) einfach „ausgebrannt“ sei, und unter schweren Depressionen leiden würde. Die Agentur für Arbeit, so die Bloggerin weiter, hätte Sie unter anderen zu dem gemacht, was sie nun sei, ein „Mensch ohne Arbeit, der vor dem Verwaltungskram und Sanktionen aufgibt, um diesem Staat nicht mehr zur Last zu fallen“. Und sie habe aufgegeben, so schreibt die Bloggerin weiter.

Zum Glück gibt es aber – und in der Vorweihnachtszeit gilt das wohl noch stärker, als ohnehin schon – gute Menschen, die einen Spendenbutton auf Ihrer Blogseite einrichten, und eifrig die „Spendentrommel“ rühren, damit die erste, große Not dieser Dame im Handumdrehen gelindert werden kann. Und es gibt noch viel mehr Leute, die in den Kommentaren eifrig ihre Spendenbereitschaft kundtun. In aller Ausführlichkeit.

Diese Geschichte löste zunächst einmal folgende Reaktionen in mir aus:

1.) Soweit ich weiß, sind – bis es zu einer Zwangsräumung kommen kann – zumindest viele, viele Schreiben (Einschreiben!) nötig, damit der Gerichtsvollzieher nach entsprechend erfolgtem Gerichtsurteil natürlich, tätig werden kann. Bis zu einem gewissen Grad kann ich nachvollziehen, dass ein Mensch, der von sich selbst sagt, er habe „aufgegeben“, seine Post nicht öffnet. Dass diese Dame aber in diesem Fall von der Zwangsräumung nichts gewusst haben will, da sie ihre Briefe nicht geöffnet hat, ist schon sehr grenzwertig. Aber gut: Depressionen haben viele Gesichter, und ich möchte mir hier nicht anmaßen, über jemanden zu urteilen, den ich nicht kenne. Vor allen Dingen, weil „Antriebslosigkeit“ ja auch eines der Symptome einer Depression darstellt. Und jeder Mensch ist anders, reagiert anders auf solche Krisensituationen…
ABER: Aus welchen Gründen auch immer die Post nicht geöffnet wurde – diese Suppe muss diese Frau auslöffeln, ob es ihr nun passt oder nicht. Dass sie dazu momentan ob ihres psychischen Zustandes gar nicht in der Lage ist, glaube ich ihr sogar. Umso wichtiger finde ich, dass sie sich umgehend in psychologische Betreuung begibt. Am besten stationär, weil ihr Problem doch sehr akut zu sein scheint.
Dies geht aber angeblich auch nicht, da die Dame (seit kurzem erst wieder in Brot und Arbeit, allerdings werfe der Job nicht viel mehr als ALG II ab), nicht krankenversichert sei. Hä? Wie bitte geht denn das? Jemand, der einer angemeldeten Arbeit nachgeht, ist auch krankenversichert. Punkt. Und im Falle von Bezug von ALG II, ist man da nicht über die ARGE pflichtversichert?!? Schon komisch…

2. Dass diese Dame nun 14 Tage, nachdem ihre Wohnung zwangsgeräumt wurde, den Nerv, die Zeit, die Muse und das entsprechende Equipment hat, um über Ihre schlimme Situation in aller Ausführlichkeit in einigermaßen geschliffener Sprache zu bloggen, das verwundert mich. Und vielleicht nicht nur mich.
Ich wiederhole nochmal: Jeder ist anders, jeder geht mit solchen Situationen anders um, aber die Frage sei schon gestattet, wie es sein kann, dass ein Mensch, der so am Ende ist, so „ausgebrannt“ ist, und so viele akute Probleme hat, den Nerv haben kann, seinen Frust und sein Selbstmitleid zu verbloggen, und somit einer breiten Masse an Lesern in „Social-Media-Land“ zugänglich zu machen?

3. Die logische Folge dieses oben genannten Blogeintrags stellte sich auch sofort ein: Von einem Ehepaar wurde auf den Seiten der Bloggerin ein PayPal-Spendenbutton eingereicht, die Bloggerin zierte sich zunächst, nahm dann aber dankbar an, und in den Kommentaren zu besagtem Posting wird die Bloggerin mit guten Wünschen und natürlich mit der festen Zusage, sofort und umgehend etwas zu spenden, regelrecht überhäuft. Und manchen Kommentaren sieht man es auf den ersten Blick an, dass hier jemand sich selbst sozusagen eine „(Pseudo-)moralische Spendenquittung“ ausstellt.
Kritische Stimmen bleiben selten. Komisch eigentlich, oder? An was liegt es? An Zensur, oder an dem Umstand, dass es zu wenige Leute gibt, die ihre anderslautende Meinung zu diesem Thema offen kundgeben wollen?
Momentan wird unter den Kommentatoren gestritten, ob die einzelnen Spenden nun einen zweistelligen Betrag überschreiten dürfen, oder nicht…

Zusammenfassend stehe ich dieser ganzen Spendenaktion mehr als kritisch gegenüber. Was aber NICHT (!!!) bedeutet, dass ich mir nicht vorstellen kann, was Depressionen mit einem Menschen so alles anstellen können. Und was auch NICHT bedeutet, dass ich der Verfasserin dieses Blogartikels NICHT wünsche, dass sie möglichst schnell wieder auf die Beine kommt, und v.a. gesundheitlich schnell die Hilfe bekommt, die sie wohl wirklich dringend braucht. Im Gegenteil. Ich wünsche es ihr von Herzen!!!
Trotzdem darf ich mich (halblaut) doch fragen, ob diese Art von „Hilfe“ nicht (fast) blindem Aktionismus gleichkommt? Ich glaube nicht, dass der Dame damit wirklich geholfen ist. In ihren Zeilen liest man nämlich vor allen Dingen eines: Sie ist depressiv, sie badet in Selbstmitleid, und sie ist tieftraurig und nicht in der Lage, sich um ihre Angelegenheiten zu kümmern. DA muss man ansetzen. Und ich halte es wirklich für sinnvoller, dieser Frau schnellstmöglichst die Wege für eine stationäre Therapie zu ebnen, ihr eine adäquate Betreuung an die Hand zu geben, die für und v.a. Schritt für Schritt MIT ihr die Dinge regelt, wieder versucht geradezubiegen, die nötig sind. Dass dies kein einfacher, schneller Weg ist, dürfte jedem klar sein, idealerweise auch der Bloggerin selbst.
Trotzdem bleibt es natürlich jedem selbst überlassen, ob er sich in die lange Liste der edlen Spender einreiht, oder eben nicht.

Und wer jetzt glaubt, ich sei auf Rosen gebettet, und mein Leben verläuft immer gradlinig, und mein Blogbeitrag sei deshalb arrogant oder schlicht unverschämt, der soll von mir denken, was er mag. ICH weiß, dass es eben genau so NICHT ist. Und jeder, der mich kennt weiß auch, was ich meine…

Auf jeden Fall bleibt diese Art von „Hilfeleistung“ auf social-media-Ebene ein zweischneidiges Schwert. Trotzdem sei nochmals ausdrücklich gesagt: Ich wünsche der Dame wirklich das Beste!

Die GRENZE des Social-media ist für mich übrigens dann erreicht wenn, wie unlängst auf Twitter geschehen, zum Spenden aufgerufen wird, weil ein sog. „Elite“-Twitterer seinen MAC geschrottet hatte, sich aber aktuell keinen neuen leisten konnte. Hierfür wurden 2.500 EUR (!) angesetzt, und es wurde gespendet, was das Zeug hält. DAS ist für mich in der Tat blinder Aktionismus!!!

 
Ein Kommentar

Verfasst von - November 28, 2011 in Standpunkt