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Archiv für den Monat Oktober 2009

Für Opa

Georg Schmitt

Lieber Opa!

Als ich heute nach langer Zeit wieder mal an Deinem Grab stand, habe ich mich gefragt, was meine erste bewusste Erinnerung an Dich ist. Vielleicht weißt Du ja noch, wie ich mit 2 1/2 Jahren bereits vor der Bühne stand, völlig fasziniert von der Kapelle und von Dir. Und wie ich allen anderen Kindern, die damals mit mir spielen wollten, einen Korb gab, weil ich Euch lieber zuhören wollte? Wie ich mit meinen kleinen Füssen versucht habe, den Takt zu halten, ganz wie die „großen Männer“ da auf der Bühne?
Ich glaube, damals ist der Grundstein für das gelegt worden, was Mama vor ein paar Tagen so treffend in Worte gefasst hat: „Ach Kind, ich weiß ja – Musik ist halt Dein Leben..“. Meine Liebe zur Musik, die Empfindungen dabei, das alles habe ich von Dir „geerbt“.
Opa, weißt Du eigentlich noch, als ich zum ersten Mal bei „Deinen“ Maidbronnern mitgespielt habe, lange nachdem Du den Taktstock an Thomas weitergegeben hattest, und wie wir beide uns angesehen haben, Du voller Stolz und mit Tränen in den Augen, und ich aufgeregt, erwartungsvoll, nervös und angespannt? 9 Jahre alt war ich damals. Und weißt Du noch, wie Du mir bei jedem Auftritt, den Du bis zu Deiner Krankheit besucht hast verlegen, aber anerkennend auf die Schulter geklopft hast? Und wie wir beide wussten, was der andere denkt/fühlt, ohne dass es ausgesprochen werden musste? Weißt Du darüber hinaus noch, dass ich – egal was für eine Richtung ich musikalisch gerade eingeschlagen hatte, mich immer geweigert habe, bei „Deiner“ Kapelle aufzuhören?
Vielleicht weißt Du auch noch, wie alle „Deine“ Musikanten Dir bei jedem Festzug zugewunken haben, kurz stehen geblieben sind, als sie an Deinem Haus vorbei gekommen sind? Ich jedenfalls weiß leider nur noch allzu gut, dass ich beim letzten Mal wusste, dass es ein letztes „Zuwinken“ gewesen ist.
Ich bin mir nicht sicher, aber ich hoffe sehr, dass Du es noch weißt, noch mitbekommen hast, wie wir gemeinsam die Blasmusik-CD angehört haben, die ich für Dich aufgenommen habe. Ich habe Deine Hand gehalten und Du saßt da, hast sogar ein Lächeln zustande gebracht, obwohl Dir Tränen in den Augen standen. Sagen konntest Du ja leider nichts mehr, aber ich glaube, ich habe Dich auch so verstanden. Es war ein langer, aber auch sehr schöner und sehr intensiver Abschied.
Vielleicht hast Du ja sogar über den Tod hinaus mitbekommen, wie wir uns an Deinem Todestag alle zusammen, singend und betend von Dir verabschiedet haben, Deine Hand gehalten haben. Ich glaube, Du warst noch ein kleines bisschen „da“, noch nicht ganz fort.
Und vielleicht hast Du ebenfalls mitbekommen, wie schwer es mir gefallen ist, Dir an Deiner Beerdigung zusammen mit „Deiner“ Kapelle ausgerechnet musikalisch die letzte Ehre zu erweisen?
Möglicherweise weißt Du ja – egal, wo Du auch jetzt sein magst – dass ich vor ein paar Wochen DOCH wieder angefangen habe, zu proben? Und das, obwohl ich so eine Art von Musik eigentlich nicht mehr machen wollte, ganz froh um diese Zwangspause war?
Sicher bin ich mir nur in einem: Du hast meine Liebe zu den „Maidbronner Musikanten“ geprägt – auch, wenn ich inzwischen stilistisch „untreu“ geworden bin, mich weiter orientiert, verändert habe. Und das wird auch immer so bleiben.
Weißt Du, Opa, vielleicht wird Dein Bild eines Tages ein wenig verblassen. Was uns aber immer verbinden wird, ist die Liebe zur Musik.
In diesem Sinne: „Die Kapelle hat gewonnen“

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Verfasst von - Oktober 13, 2009 in textinette privat, Uncategorized